Rezensionen

Before Watchmen 5: Ozymandias

Watchmen, erdacht von Kultautor Alan Moore, war eines der kreativsten und einflußreichsten Superheldencomics aller Zeiten. Fast 3 Jahrzehnte später hat DC Comics gegen den Willen Alan Moores beschlossen, dem Meisterwerk mehrere Prequels zu geben, die die Geschichte vor den Ereignissen von Watchmen erzählen sollen, die Moore teilweise detailliert, teilweise nur mit Andeutungen erzählt hat. Mittlerweile hat sich herausgestellt, daß die Einzelbände handlungstechnisch durch einen roten Faden verbunden sind. Für Before Watchmen wurden hochkarätige Zeichner und Autoren verpflichtet, z.B. Darwyn Cooke oder Brian Azzarello.

Die Vorgeschichte des für klügsten Menschen der Welt wird von Len Wein erzählt, dessen Beiträge zu Serien wie X-Men oder Swamp Thing legendär sind. Als Zeichner wurde Jae Lee (u.a. Der dunkle Turm, Inhumans, Captain America) verpflichtet.
Die vorliegende Geschichte setzt im Oktober 1985 ein, kurz vor dem Moment, in dem Ozymandias vor der Vollendung seines Planes steht. So beschließt er, eine Autobiographie aufzuzeichnen, um diese der Nachwelt zu vermachen.

Adrian Veidt, wie Ozymandiasmit bürgerlichen Namen heißt, führt als sein eigener Erzähler durch die Geschichte, die 1938 beginnt. Familie Veidt flieht vor dem Faschismus in Europa in die USA, wo Adrians Vater ein Geschäft eröffnet. Durch seine außergewöhnliche Intelligenz ist der kleine Adrian schnell Ziel von Rüpeln in der Schule, doch schon dort zeigt sich seine Entschlossenheit. Ein paar Jahre später trifft ihn ein schwerer Schicksalsschlag. Seine Eltern sterben bei einem Verkehrsunfall. Adrians beschließt, sich nicht auf dem Erbe seiner zwischenzeitig reich gewordenen Eltern zu verlasse, und beginnt eine Reise auf den Spuren Alexanders des Großen, den er als Vorbild ansieht. Nur auf sich selbst gestellt pilgert er durch den Nahen Osten, um gestärkt wieder nach New York zurückzukehren, wo er ein neues Finanzimperium errichten will. Doch dies gelingt ihm so spielerisch, daß er nicht ausgelastet ist. So beschließt er, kostümierter Verbrecherjäger zu werden …

Fazit:
Len Weins Schilderung der vollkommen egozentrische und arroganten Sichtweise von Ozymandias ist sehr authentisch. Genau so sieht das Genie die Welt, in der es mit all den Idioten leben muß, die der Führung des Genies bedürfen. Jae Lees besonderer Zeichenstil paßt zu dieses Selbstsicht wie die Faust aufs Auge. Speziell die heroischen, epischen Gesten des Selbsterzählers und das Spiel mit dem Bildaufbau, in dem runde Panels immer wieder auftauchen (rund wie der Haarreif von Ozymandias) schaffen eine dichte Atmosphäre, die Adrians Sichtweise verkörpert.

Die Handlung ist teilweise mit anderen Teilen von Before Watchmen verknüpft. So wird hier z.B. Bezug genommen auf die Kennedy-Brüder und Marylin Monroe, die wir auch schon im Comedian-Band gesehen haben, der hier auch nicht fehlen darf. Sehr interessant auch die Interpretation der Originalszene, in denen Captain Metropolis versucht, die Watchmen zusammen zu bringen. Auch der Konflikt Ozymandias mit Doctor Manhattan wird hier noch mal neu angemischt. Der Superschlaue gegen den Allmächtigen, das ist Batmans Blickwinkel auf Superman nicht unähnlich.

Zusätzlich werden ein paar von Alan Moore ausgesparte Gesichtspunkte erläutert, z.B. die Entstehung von Ozymandias‘ Haustier Bubastis.

In meiner persönlichen Rangliste ist der Band gemeinsam mit Nite Owl auf Platz 2 (hinter Minutemen) der Reihe Before Watchmen anzusiedeln.


Die folgende Rezension wurde von Sepp ergänzt:

Len Wein und Jae Lee liefern hier etwas Besonderes ab. Die hochgestochene, selbstverherrlichende Art von Adrian Veidt wird in meinen Augen perfekt in Wort und Bild widergegeben.

Jae Lee, von dessen Artwork man hier ungewohnt viel sieht und der so „hell“ wie selten wirkt, konnte mich hier einmal richtig begeistern, obwohl ich seinem Artwork seit jeher eher zwiegespalten gegenüber stehe.

Len Wein schafft es wie kein anderer Autor vor ihm in dieser Reihe, den kompletten Weg seiner Hauptfigur bis zum Ende von Watchmen nachzuzeichnen, ohne dabei allzu künstlich bei den Ergänzungen zu wirken.

Tatsächlich ist dieser Band so dermaßen in sich stimmig, daß er am Thron von Minute Men rüttelt, der seinerseits durch die dünnen Verbindungen zum Original ja fast für sich alleine steht. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, daß dieser Comic das Banner Before Watchmen wirklich verdient.

Die Kritik an Adrians Motivation und Sexualleben kann ich nicht teilen, er ist kein asexueller Weltenretter, sondern ein Egomane allerhöchster Kategorie. Natürlich will er sich für den Tod seiner Freundin retten, und natürlich ist er erstmal allem gegenüber offen. Aber ich sehe das auch als Reaktion auf einen persönlichen Angriff, bzw. den Unwillen etwas unversucht/ungenossen zu lassen.

Während er sich später gerne nostalgischen Gefühlen hingibt, geht er dennoch mit den Menschen, die ihm nahe stehen, skrupelos um… mit anderen Worten, er entwickelt sich ständig weiter. Die Theatralik des Superheldentums betrachte ich in diesem Zusammenhang auch nicht als seine „Erweckung“… es ist eher ein weiteres Mittel zum Zweck, ein weitere Schritt auf einem Weg, der schon lange vorher begann.

Die Superheldenphase verkommt zum Hobby, die Ideale werden zu umzusetzenden Notwendigkeiten… dabei verliert er durch seine Egozentrik den Rest der Menschheit auf eine andere, aber ebenso effektive Art und Weise, wie der von ihm gefürchtete (oder beneidete?) Dr. Manhattan, aus den Augen.

Gut fand ich, daß die Frage wer Kennedy tötete offen bleibt, hier könnte der Comedian auch der Attentäter gewesen sein. (Ich sehe im Gegensatz zu Dr. Flamenco hier eher eine Nähe zu Watchmen, als zum Comedian-Band) Und auch das Veidt erkennt das ein unglaublich hoher Intellekt , niemanden automatisch zu einem Genie auf wirklich jedem Gebiet macht . (Evtl. Seitenhiebe spielten für mich beim Lesen keine grosse Rolle.)

Die Zusatzinfos zu Comedians Zusammenbruch waren der einzig holprige Teil… aber hier rät Adrian ja nur, vielleicht ein Zeichen dafür, daß auch Wein hier mit dem Ergebnis nicht zufrieden war…

Noch eine wichtige Korrektur zu den bald kommenden Pod-Cast-Kommentaren:
Irritiert war ich von Bubastis Farbe. Das Blau im Film wirkte so stimmig, daß es die Comicversion bei mir gedanklich voll überschrieben hat. Hier also kein Kolorationsfehler, sondern schlicht die Notwendigkeit endlich den Watchmen-Band mal wieder zur Hand zu nehmen!

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