Rezensionen

Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier

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Wie lange mußten wir auf diese Veröffentlichung warten! Das schwarze Dossier wurde 2007 erstmalig veröffentlicht, doch bis zur deutsche Ausgabe mußten wir uns bis Ende 2013 gedulden. Schuld daran waren rechtliche Probleme mit dem Copyright für bestimmte Figuren, die Autor Alan Moore verwendete. Während die Figuren aus der ersten Liga der außergewöhnlichen Gentleman wie z.B. Allan Quatermain so alt sind, daß das Copyright erloschen ist, mußte Alan Moore hier die Figuren nun umschreiben, ohne sie bei ihren Namen nennen zu dürfen.

Der Band spielt 1958, ist also zwischen den Century-Bänden 1910 und 1969 anzusiedeln, wird jedoch als eine Art Sonderband oder Ergänzung betrachtet.

Mina Murray befindet sich in London. Ihr gelingt es, den Agenten Namens „Jimmy“ in ein Gespräch zu verwickeln. Der Mann trinkt gern Wodka-Martini mit Eis, trägt einen Anzug, und hat ein besonderes Faible für Frauen – nicht besonders schwer also zu erkennen, welche britische Pulpfigur hier gemeint ist. Geschickt schafft sie es, den Spion dazu zu bringen, sie in ein Gebäude des Abschirmdienstes zu bringen, wo sie zusammen mit Allan Quatermain das „Schwarze Dossier“ stehlen kann. Dieses Akte enthält das gesamte Wissen des Abschirmdienstes über die Liga und deren verschiedene Inkarnationen im Laufe der Jahrhunderte. Doch natürlich bleibt diese Tat nicht ungestraft, und bald sind Mina und Allan vom Geheimdienst gejagt. Dabei müssen sie vor so illustren Figuren flüchten wie Emma Peel aus „Mit Schirm, Charme und Melone“.

Doch nicht die Flucht ist das Spannende an diesem Band. Es ist vielmehr das Schwarze Dossier selbst, daß Allan und Mina während ihrer Flucht lesen. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Dokumenten, bei denen quer die Druckerzeigniskiste alles dabei ist. So finden sich z.B. „Die neuen Abenteuer von Fanny Hill“, ein erotischer Briefroman, der aus der Sicht von Fanny Hill geschrieben und mit erotischen Zeichnungen illustriert ist. Natürlich trifft Fanny auch auf Mitglieder der Liga. Dabei ist auch ein verschollenes Manuskript von William Shakespeare, das selbstverständlich als Theaterstück geschrieben wurde. Neben Comics gibt es auch Auszüge aus Groschenromanen, Postkarten, Prospekte und politische Karikaturen. „Sexjane“ hingegen ist ein Tijuana Bible, die sich ebenfalls erotischen Erlebnissen zuwendet. Kurzum: ein bunter Strauß an Dokumenten. Das besondere an den Ausgaben ist, daß sie jeweils von Zeichner Kevin O’Neil an Vorlagen aus der jeweiligen Epoche angepaßt wurden, und originalgetreu aussehen. Auch Drucktechniken wie der Holzschnitt werden dabei imitiert. Der Eindruck verstärkt sich noch dadurch, daß z.B. die Tijuana Bible auch als kleinformatiger 8-Seiter eingeheftet wurde, oder daß die Abenteuer von Fanny Hill auf dicken, festen Papier gedruckt wurden.

Ein weiteres Gimmick in dem Band ist die beigelegte 3-D-Brille, die auf den letzten Seiten der Liga zum Einsatz kommt. Genau das richtige Instrument, um fremde Dimensionen und aberwitzige physikalische Momente darzustellen.

Fazit:

Auch in diesem Band hat Alan Moore wieder unzählige Anspielungen auf fiktive Figuren aus Literatur und Film untergebracht. Was für den britischen Leser vermutlich schon schwer zu erkennen wäre, ist für den deutschen Leser nahezu unmöglich, zumindest auf den ersten Blick. Wer kennt hierzulande schon Figuren wie Billy Bunter, ein dicker Schuljunge, der von 1908 – 1940 seine Abenteuerin illustrierten Texten in britischen Zeitungen erlebte? Oder Prospero, eine Figur aus Shakespeares „Der Sturm“? Nichtsdestotrotz macht es viel Spaß, die abgefahrene Welt der Comiclegende Alan Moore zu entdecken, was nicht selten mit Internetrecherche verbunden ist. Das Verständnis von anderen Ausgaben wie die Century-Trilogie erleichtet der Band ebenfalls, sind hier doch viele Hintergrundinformationen zu Figuren wie dem/der Unsterblichen Orlando enthalten.

Kurzum: eine großartige, liebevoll gemachte Ausgabe, die langen Lesepaß und sogar Horizonterweiterung garantiert. Nur die ersten beiden Bände der Liga der außergewöhnlichen Gentleman sollte man vorher schon gelesen haben.

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