Rezensionen

ANDERS (Kwimbi Edition)

ANDERS

ANDERS

Der Titel verrät, was dieses Comic sein soll: Anders. Unter diesem Arbeitstitel fanden sich namhafte deutsche Webcomic-Künstler zusammen, um sich eben einmal anders zu präsentieren. Entstanden ist eine Horror-Anthologie, welche in der Edition Kwimbi verlegt wurde und beim Comic-Salon Erlangen 2014 vom ICOM eine lobende Erwähnung erhielt.

Die beteiligten Künstler erfreuen nicht zuletzt durch ihre Webcomics großer Beliebtheit. Mario Bühling, Marvin Clifford, Michael Roos, Leander Taubner, TeMeL und Max Vähling schrieben und zeichneten ihre Geschichten, eingebettet in eine Rahmenhandlung von Kaydee. Sarah Burrini steuerte schließlich das Cover bei. Herausgekommen ist einen lesenswerte Anthologie, auf die man sich einlassen darf.

„Gute Nachrichten“ von Kaydee ist die bereits erwähnte Rahmenhandlung des Bandes. Dieser begegnen wir nicht nur am Anfang und Ende des Bandes, vielmehr wird jede Geschichte durch einen Einseiter von Kaydee eingeleitet. In ihrem Blog finden sich witzige Cartoons um Dinosaurier. In „ANDERS“ präsentiert sie einen realen Stil, der in ihren schwarzweißen Zeichnungen wunderbar zur Geltung kommt. Kaydee zeigt uns diese alte, heruntergekommene, pöbelnde Frau, welche wir in Zwischensequenzen bis zum Ende des Bandes immer wieder treffen. Sie fungiert in diesem Band quasi als der Geschichtenerzähler.

Kaydee: „Gute Nachrichten“

In „Ich kämpfe weiter“ zeigt uns Mario Bühling, dass er auch ernste Themen behandeln kann. In seinem Blog „Katzenfuttergeleespritzer“ präsentiert er witzige bis alberne Cartoons aus seinem Alltag. Hier widmet er sich nun den ernsten Themen Krankheit, Enttäuschung und Rache. Sein Strich ist dabei ernster und erwachsener, als bei seinem Webcomic. Diese Geschichte gehört für mich zu den Highlights des Bandes.

Mario Bühling

Mario Bühling: „Ich kämpfe weiter“

„Werbung, die man nie vergisst“ handelt von der Besessenheit eines Mannes. Dieser hat einen beachtlichen Erfolg in der Werbeindustrie erzielt, wird nun jedoch von wahnhaften Selbstzweifeln verfolgt. Max Vähling beschreibt hier ein bedrohliches Szenario. Leider habe ich Schwierigkeiten, diese Bedrohlichkeit in seinen Zeichnungen wiederzuerkennen. Seine Figuren wirken für eine solche für meinen Geschmack etwas zu locker, zu unbeschwert. Auch seine Farbgestaltung empfinde ich für die Thematik etwas zu hell. Die Horror-Thematik wird für mich leider nicht wirklich transportiert. Dennoch ist der Ansatz der Geschichte sehr gut gewählt. Erzähltechnisch ist die Geschichte auf jeden Fall lesenswert.

Max Vähling: „Werbung, die man nie vergisst!“

Leander Aurel Taubner begleitet in „Tragischer Flugzeugabsturz“ eine junge Frau an Bord eines Flugzeuges, in welchem plötzlich merkwürdige, blutige Ereignisse vor sich gehen. Dabei setzt Leander hier gezielt auf wenig Farbe. Die Zeichnungen sind überwiegend in schwarzweiß gehalten und mit Grau- oder Sepia-Tönen schattiert. Einzig das Blut, das in dieser Geschichte nicht zu knapp strömt, wird in seiner natürlichen Farbe dargestellt. Dass er normalerweise bunter und mit vielen Spielereien gestaltet, zeigt sein Blog „Leanders feine Linie“. In seiner ANDERS-Geschichte passt der Stil zur Erzählung und zeigt tatsächlich, dass er auch anders kann.

Leander Aurel Taubner: „Tragischer Flugzeugabsturz“

„Familienvater spurlos verschwunden“ öffnet das Tor zur Hölle mal anders. Michael Roos erkenne ich kaum wieder, denn ich kenne lediglich seine Quadratschädel auf seinem Blog „Sachen gibt’s … ?!“. Das hat mich schwer beeindruckt. Die Geschichte hat er atmosphärisch in Graustufen gehalten, was die Bedrohlichkeit dieser bestens transportiert.

Michael Roos: „Familienvater spurlos verschwunden“

„Das Massaker von Old Town“ ist der Beitrag von Marvin Clifford. Auch ihn kenne ich sonst nur lustig. Mit „Schisslaweng“ hat er gerade den Max und Moritz-Publikumspreis 2014 abgeräumt – und das vollkommen zu Recht. In seiner „ANDERS“-Geschichte zeigt er zwar noch immer einen cartoonigen Strich, welchen er hier aber viel ernster und zurückhaltender darstellt. Selbiges gilt für seine Farbgebung, welche durchweg in blauen Tönen gehalten ist und andere Farben nur dort zulässt, wo sie passen. Die Geschichte um eine Zugreise eines Mannes ist ein sehr nachdenklicher Beitrag des sonst sehr fröhlichen Herrn Clifford. Meine Nummer Eins in diesem Band.

Marvin Clifford: „Das Massaker von Old Town“

Am Ende, jedoch nicht zuletzt steuert TeMel’s „Rätselhafte Explosion in der Kalahariwüste“ einen überaus würdigen Beitrag zum Buch bei. Auch hier wird der gewohnte Cartoonstil TeMel’s durch eine realistische Darstellung abgelöst. Die Farbgebung ist auch bei dieser Geschichte deutlich einer Farbe zugeschrieben, hier ist es rot. Beklemmung macht sich breit, wenn der Alarm in einer containerartigen Einrichtung mitten in der Wüste die Protagonistin zum schnellen Handeln zwingt. Und dann ist da noch dieses Kind …

Insgesamt ist „ANDERS“ also ein sehr stimmiger Band im Stil der „Geschichten aus der Gruft“, der die Künstler auch wirklich anders zeigt, als man sie kennt. Diese Anthologie ist ein kleines, aber feines, für sich stehendes Kunstwerk, was in keiner Sammlung fehlen sollte. Es macht vor allem eins: Lust auf mehr Anthologien dieser Art.


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