Rezensionen

Jerusalem – Ein Familienporträt (Panini Comics)

Jerusalem – Ein Familienporträt (Panini Comics) | 404 Seiten – Hardcover | 29,99€

Jüdische Familiengeschichten sind hierzulande meist in Verbindung mit dem Holocaust zum Inhalt von Büchern und Filmen geworden. Andere Geschichten, gerade über die ereignisreiche Historie Israels, sind viel weniger im Fokus.

Eine spannende Geschichte aus der Entstehungszeit des Staates Israel liefert hier Boaz Yakin ab. Der amerikanische Filmemacher, der u.a. das Drehbuch für den 1989er Punisher-Film mit Dolph Lundgren geschrieben hat, verarbeite hier Berichte seines Vaters über die Zeit in Israel zwischen 1940 – 1948.

Bis zum Ende des 1. Weltkrieges war Palästina unter osmanischer Herrschaft gewesen, bis zur Existenzgründung des Staates Israel stand das Land unter britischem Mandat. Schon damals brodelte es zwischen den als Besatzern empfundenen Briten, den Juden und den Arabern, was sich nicht selten in Gewalt entlud.

In dieses ohnehin schon konfliktreiche Szenario setzt Yakin noch eine verstrittene Großfamilie. Die beiden Yalaby-Brüder sind zerstritten. Der eine schuldet dem anderen eine große Menge Geld, was nun gerichtlich stattfindet, da die beiden nicht kommunizieren. Der Hass untereinander überträgt sich auch auf die Kinder, und von denen gibt es eine ganze Menge. Doch unterschiedlicher könnten die Kinder der zerstrittenen Brüder nicht sein. Der eine tritt einer Gruppe von Terroristen bei, die gegen Briten und Araber für ein freies Israel kämpfen wollen, der andere kämpft als Kommunist mit Arabern zusammen gegen den Kapitalismus, ein anderer dient in der Armee. Der jüngste Sohn ist ein Wildfang, der sich selbst gern in Schwierigkeiten bringt.

Insgesamt sind drei Generationen auf engsten Raum zusammengepfercht, was bei der Zusammenstellung natürlich einiges an Zündstoff bietet. Jeder hat seine eigene Perspektive, seine Wünsche und Träume, und der drohende Rauswurf durch das Gericht schweißt zumindest teilweise zusammen.

Doch als Israel international anerkannt wird, wird aus den kleinen Auseinandersetzungen eine blutige Schlacht um Palästina. Wie werden die unterschiedlichen Charaktere reagieren? Und werden alle überleben?

Fazit

Der Zeichner Nick Bertozzi, der z.B. Jason Lutes „Houdini“ gemacht hat, legt auch hier einen guten Job hin. Die realistischen Schwarzweißzeichnungen sind nicht sehr detailliert, dafür wird sehr viel mit Mimik und Gestik transportiert, was gerade bei dem Familienzwist sehr wichtig ist. So sieht man z.B. der Mutter ihren Zorn so sehr an, daß diese eigentlich kein Wort mehr zu sagen braucht.

Auch das Grauen des Krieges wird zwar nicht besonders explizit gezeigt, die Wirkung ist aber trotzdem immens, wenn z.B. der Nebenmann einen Kopfschuss bekommt, oder die arabische Legion durchlöchert am Boden liegt.

 Ein Kritikpunkt ist für mich der weit verzweigte Stammbaum. Bisweilen hatte ich trotz der Erläuterung am Anfang des Bandes Schwierigkeiten, die verschiedenen Brüder auseinander zu halten. Da wäre weniger mehr gewesen.

Insgesamt ist „Jerusalem“ eine spannende, anrührende Familiensaga, bei der ganz nebenbei viele Informationen transportiert werden, die für das Verständnis des Nahostkonflikts, ob in der Vergangenheit oder Gegenwart, sehr hilfreich sind. Für den geschichtlich interessierten Leser ein Genuss!

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