Rezensionen

Mawil – The Singles Collection (Reprodukt)

Mawil – The Singles Collection | Reprodukt | 136 Seiten, farbig, Hardcover | EUR 29,00 | © Reprodukt

Nachdem 2014 Markus “Mawil” Witzels „Kinderland“ erschien, befürchtete ich schon, lange Zeit auf neues Material warten zu müssen, doch nun hat Reprodukt „Mawil – The Singles Collection“ veröffentlicht, einen großformatigen Hardcoverband, der die Comic-Kolumnen von Mawil in der Sonntagsausgabe der Zeitung Tagesspiegel veröffentlicht. Abwechselnd mit Tim Dinter, Arne Bellstorf, und Flix erschienen die Comics seit 9 Jahren, in denen sich die Künstler keiner Fortsetzungsgeschichte, sondern einzelnen Themen widmeten.

Die Bandbreite der Erzählungen ist riesig, und reicht von autobiographischen Geschichten bis zu reiner Fiktion, von Mawils typischen Zeichenstil wie wir ihn z.B. aus „Die Band“ oder „Kinderland“ kennen bis zu Experimenten mit Fotos und Grafikprogrammen, von knallbunt bis zu schwarzweiß. Auch die Panelaufteilung ist immer sehr abwechslungsreich, statt eine feste Einteilung, wie man sie von vielen anderen Zeitungscomics kennt. Der Leser bekommt dabei einen sehr persönlichen Eindruck vom Leben des Künstlers, etwa, wenn er wegen Luxussanierung aus seiner Wohnung ausziehen muss, oder welche Gefühle ihn bei der Fußball-WM bewegten, welche Reisen er unternommen hat und welche Eindrücke dabei entstanden sind. Auch das Sterben seines altgedienten Fahrrades verarbeitet er, und sieht sich dabei wie ein Cowboy im Wilden Westen, der seinem altgedienten Ross den Gnadenschuss gibt. Dazwischen gibt es immer wieder Auftritte seines Alter Ego als Hase, der viele Charaktereigenschaften mit Mawil teilt, den er aber immer in Situationen stecken kann, in der er selbst noch nie gewesen ist, z.B. den Krieg der Hasen gegen die Igel.

© Reprodukt

Eine Eigenschaft die ich bei Mawil sehr schätze ist seine Eigenironie. Er ist sich seine Rolle als brillentragender Nerd sehr bewusst, und demzufolge gibt es viele Alltagsszenen, in denen dies thematisiert wird, z.B. bei seinem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht (wobei auch da gern der Hase aus dem Hut gezaubert wird, als Platzhalter), oder seine körperliche Unterlegenheit gegenüber den Bullys, die das Leben einem in den Weg stellt.

Die Themenauswahl ist sehr oft vom persönlichen Tagesgeschehen geprägt, wie z.B. bei seiner Mandeloperation oder von den guten Vorsätzen, die man sich am Neujahrsmorgen noch auferlegt, die aber bald wieder vergessen sind. Die Grenze zwischen Philosophie und Neurose ist dabei fließend, aber immer unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern. Doch auch ernste oder traurige Elemente sind dabei wie ein Strip zum Totensonntag, der mich zu Tränen gerührt hat.

Auch an der Aufmachung gibt es nichts zu meckern, die über 130 Seiten im Plattenformat als Hardcover werden sehr wertig präsentiert, und man hat einen sehr langen Lesegenuss. Ich würde mir wünschen, in diesem Format auch die Sonntagsseiten der anderen Künstler zu sehen, mit den Mawil sich abwechselt. Ein großer Dank gilt auch dem Tagesspiegel, der statt dem 1000. Nachdruck von alten Klassikern mit der Comic-Kolumne auch deutsche Künstler fördert, während andere Zeitungen Perlen wie Naomi Fearns Zuckerfisch absetzen.

Der Band ist für Leser, die bisher noch keinen Band von Mawil gelesen haben, ein sehr guter Einstieg, da hier das komplette Repertoire von autobiografisch bis zur Tierfabel enthalten ist. Für mich persönlich (und das sage ich nicht nur, weil wir ein Jahrgang sind, nur auf der anderen Seite von Zaun) ist und bleibt Mawil einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart. Punkt.

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