Rezensionen

Providence 2 (Panini Comics)

Providence 2 | Panini Comics | 180 Seiten – Softcover – 19,99€

Alan Moore liegt es, historische Literatur umzuschreiben und in einen neuen Kontext zu setzen, wie man es z.B. bei den Pulp-Helden in Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman und bei Lost Girls gesehen hat, wo er Stoff wie Alice im Wunderland oder Der Zauberer von Oz interpretiert. Bei jedem Werk von Alan Moore merkt man, wie sorgfältig er recherchiert und auf Details achtet. So wurden beispielsweise bei Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman kleinste Details aus der Pulp-Historie der Figuren mit in die Geschichte aufgenommen und verschmolzen, und zwar so detailliert, dass sich ganze Homepages der Aufschlüsselung der Einzelheiten widmen. Nun hat sich der Brite das Werk von H.P. Lovecraft herausgesucht. Der Anspruch: Providence soll zum Watchmen des Horrorgenres werden!

Providence erzählt die Geschichte von Robert Black, seines Zeichens Reporter bei der New Yorker Zeitung Herald im Jahre 1919. Robert muss einen privaten Schicksalsschlag verdauen, und stürzt sich in die Arbeit. Seine Nachforschungen zu einem geheimnisvollen Buch führen den Journalistendurch verschiedene Städte Neuenglands, wo er feststellt, dass die Welt doch wesentlich anders ist als das was er sich darunter vorgestellt hat. In Band 2 reist Black in das kleine Städtchen Manchester, wo er auf allerlei ungewöhnliche Bewohner trifft, wie z.B. eine hexenartige Vermieterin oder eine junge, aber hochbegabte Studentin, die vieles hinter der Fassade ihres jugendlichen Aussehens verbirgt. Danach verschlägt es ihn nach Boston, wo er inmitten der Gewerkschaftsunruhen Schlimmeres findet als die während der Straßenkämpfe getöteten Menschen in den Straßen. Auch das Gespräch mit einem Autor über die Gruppe Stella Sapiente verläuft gänzlich anders als geplant.


Fazit

Auch hier hat Moore sich sehr intensiv mit den Geschichten von H.P. Lovecraft beschäftigt, und verschmolz die einzelnen Geschichten zu einem Gesamtwerk. Namen und Schauplätze wurden umbenannt, aber Fans von H.P. Lovecraft dürften relativ schnell wissen, um welche Erzählungen es sich handelt, die anderen können unvoreingenommen die Szenarien genießen, die die besondere Faszination von Lovecrafts Horror ausmachen. Außerdem gibt es hier auch eine Grenzüberschreitung sexueller Natur, die sicherlich ausgiebig diskutiert werden wird, und die Erinnerungen an Proteste bei Lost Girls aufkommen lässt. Insgesamt passt die Szene aber genau in den Kontext, und wirkt durch die Grenzüberschreitung vom einen auf den anderen Moment sehr intensiv und erschreckend.

 Die Zusammenarbeit von Alan Moore und Jacen Burrows am Werk von H.P. Lovecraft und dem Cthulu Mythos wurde nach The Courtyard 1-2 und Neonomicon 1-4 (in Deutschland im Band Neonomicon bei Panini erschienen) hier nun fortgesetzt. Burrows realistischer, ja nüchterner Stil eignet sich ungemein, um die Gegensätze zwischen rationaler Welt und Horror aufzuzeigen. Sehr viel Wert wurde auf kleine Anspielungen gelegt, die überall in der Geschichte verteilt sind. Auch hier muss man offenbar Lovecraft-Kenner sein, um alles zu entschlüsseln, der Lesefluss wird jedoch nicht behindert.

Am Ende jedes enthaltenen US-Heftes hat Moore das Tagebuch von Robert Black beigefügt, aus dem der Leser sehr genau über dessen Sichtweise der vergangenen Ereignisse informiert wird. Die handgeschriebenen Seiten können auch mal 10 Seiten lang sein, und bringen den Leser dazu, noch einmal zurück zu blättern und das Tagebuch mit den Szenen abzugleichen.

Im Band enthalten sind wieder alle Cover der US-Ausgaben inklusive aller Variantausgaben sowie einige Erläuterungen von Antonio Solinas, der einiges zur Interpretation des Werkes beisteuert. Für Fans von H.P. Lovecraft dürfte Providence eine Pflichtlektüre und Ergänzung zum Werk des Meisters werden, für Neueinsteiger, egal ob bei Moore oder Lovecraft gibt es sicherlich einfachere Einstiege.

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