Events

Comic-Salon Erlangen: Max und Moritz-Preise verliehen

Im Zuge der gestrigen Max-und-Moritz-Gala (diese fand am 01.06.2018 ab 20:30 Uhr im Markgrafentheater in Erlangen statt) wurden die Preisträger der diesjährigen Max-und-Moritz-Preise verliehen. Diese sind im Einzelnen (mit Texten aus der Presse-Mitteilung der Stadt Erlangen):

Bester deutschsprachiger Comic-Künstler: Reinhard Kleist

Bereits für seine erste Comic-Veröffentlichung wurde er mit dem Max und Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic ausgezeichnet. Das war 1996 und der Band hieß schlicht „Lovecraft“. Inzwischen ist Reinhard Kleist aus der deutschen Comic-Gegenwart kaum noch wegzudenken. Was schnell vergessen lässt, dass es 10 Jahre kontinuierlicher Arbeit und Entwicklung erforderte, bis ihm mit seiner Johnny-Cash-Biografie „I see a Darkness“ der Durchbruch gelang – und das gleich international: Reinhard Kleist zählt heute zu den beachtetsten deutschen Comic-Künstlern – auch jenseits der Landesgrenzen.

2010 folgt die Biografie Fidel Castros, in der Kleist die Jahre vor und nach der Revolution in expressivem Schwarz-Weiß ebenso lebendig inszeniert wie Kubas Städte und Landschaften, bevor er sich „kleineren“ Geschichten zuwendet: Schicksalen, die ihn persönlich bewegen und die er davor bewahrt, im immer schnelleren Strom unserer Zeit vergessen zu werden, indem er ihnen nachspürt. Sich auf die Suche macht, nach den Fakten und den Umständen, vor allem aber nach den Menschen, die hinter den Ereignissen stehen – oder besser: in ihrem Mittelpunkt, im Zentrum des Sturms.

In „Der Boxer“ ist es der jüdische Teenager Hertzko Haft, der sich in Auschwitz als Boxer zum Vergnügen der SS-Offiziere durchschlägt und der später, nach geglückter Flucht, in den USA zum Profiboxer aufsteigt. In „Der Traum von Olympia“ verfolgt Kleist die mehr als einjährige Flucht der somalischen Leichtathletin Samia Yusuf Omar vor islamistischen Fundamentalisten, durch glühende Wüsten bis nach Tripolis, von wo aus sich ihre Spur auf einem Schlauchboot im Mittelmeer verliert. Schicksale, in denen Geschichte ein Gesicht bekommt.

Ebenso wie als Zeichner hat Reinhard Kleist somit auch als Erzähler einen unverkennbar eigenen Stil entwickelt, den er immer wieder überraschend neu interpretiert. So etwa in „Mercy on me“, seinem jüngsten Werk und mit über 300 Seiten bisherigem Opus Magnum, in dem er den kompromisslos heiklen Weg Nick Caves aus einem Provinzkaff im australischen Nirgendwo zur Popikone nicht nur in Bildern nachzeichnet, sondern auch in dessen Songs. „I can’t remember anything at all“, singt Cave am Schluss des Bandes. In Reinhard Kleists Graphic Novels jedoch bleiben die Erinnerungen lebendig.

Andreas C. Knigge


Bester deutschsprachiger Comic: „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ von Ulli Lust (Suhrkamp Verlag)

Ulli Lust, Mitte zwanzig, angehende Künstlerin in Wien, liebt zwei Männer: Den zwanzig Jahre älteren Schauspieler Georg, mit dem im Bett aber nichts mehr läuft, und den nigerianischen Flüchtling Kimata, den sie auf einer Party abschleppt, und zu dem sie in sexueller Leidenschaft entbrennt. Dann ist da noch ein dritter Mann im Hintergrund, ihr Sohn Philipp, fünf, der bei seinen Großeltern auf dem Land aufwächst. Das ist ein Beziehungsgeflecht mit großem erzählerischem, emotionalem und dramatischem Potenzial, und Ulli Lust entfaltet mit ihren direkten, skizzenhaften Zeichnungen eine Dringlichkeit und einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

Mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ über eine selbstzerstörerische Italienreise als Teenager sorgte Ulli Lust weltweit für Furore. Nun enthüllt die in Berlin lebende Österreicherin ein weiteres Kapitel aus ihrer Jugend: In „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ verarbeitet sie eine explosive, in einem Mordversuch gipfelnde Ménage-à-trois im Wien der frühen Neunzigerjahre.

Tabu- und schonungslos dringt sie tief ein in dunkelste Abgründe und verknüpft ihre Erfahrungen mit großen Themen: Liebe und Sex über Alters- und Kulturgrenzen hinweg, die sexuelle Selbstbestimmung der Frau, alternative Familien- und Beziehungsmodelle, ethnische Vorurteile, Flüchtlingspolitik und der Traum von einer anderen Gesellschaft.

Das ist überzeugend, weil Ulli Lust sich weder als Opfer noch als Täterin zeichnet, sondern als junge, streckenweise reichlich naive, egoistische und sexuell anspruchsvolle Frau, die von der Situation und ihren Rollen als Gefährtin, Liebhaberin und Mutter überfordert ist.

Dass Lust sich traut, kulturelle Vorurteile aufzugreifen und zu den Ambivalenzen in ihrer Wahrnehmung zu stehen, statt sie politisch korrekt abzuschleifen, ist ihr hoch anzurechnen. Ihr afrikanischer Liebhaber erträgt ihre Unabhängigkeit immer weniger und seine Eifersucht und Ansprüche führen zu Gewaltausbrüchen, die sie in Angst und Schrecken versetzen – und doch lässt sie ihn immer wieder in ihr Bett. Lusts Versuch, inmitten dieser verworrenen Situation „gut“ zu sein, muss als gescheitert betrachtet werden, dafür ist ihre Reflektion dieser Lebensphase ein künstlerischer Erfolg.

Christian Gasser


Bester internationaler Comic: „Esthers Tagebücher“ von Riad Sattouf. Übersetzung: Ulrich Pröfrock (Reprodukt)

Esther ist zehn und ein ganz normales Mädchen. Und doch ist sie Protagonistin einer ungewöhnlichen Comic-Serie. In „Esthers Tagebücher“ wird der franko-syrische Comic-Autor Riad Sattouf Esther, die Tochter eines befreundeten Paars, bis zu ihrem 18. Geburtstag begleiten und Jahr für Jahr aufzeichnen, was sie ihm erzählt.

Der erste Band umkreist Esthers Schule, beste Freundinnen und ausgewählte Feindinnen, den schwierigen älteren Bruder und andere doofe Jungs, Spielsachen, Klamotten und den Traum vom eigenen iPhone, Pop- und Reality-TV-Stars, er umkreist auch das Mobbing auf dem Pausenhof, Rassismus, Neid und Eifersucht … mit anderen Worten: Esther erzählt uns den ganz normalen Irrsinn und die konstante Überforderung im Teenager-Alltag. Daneben verblassen natürlich weltpolitische Erschütterungen wie die Anschläge in Paris oder die Wahl Trumps, die Esther nur am Rand wahrnimmt.

Das Leben eines Teenagers im westlichen Europa des 21. Jahrhunderts: Beschönigungen? Niedlichkeiten? Nein – Riad Sattouf bleibt auch in diesem Mädchenkosmos der genaue, scharfe, satirische Beobachter, den man aus seinen anderen Comics kennt.

Hierzulande wurde der 1978 geborene Sattouf dank des autobiographischen Bestsellers „Der Araber von morgen“ bekannt, in welchem er mit beißendem Humor sein Aufwachsen in Syrien schildert.

Ähnlich genau und unbestechlich bringt er uns auch Esthers Welt näher, wobei er konsequent in der Perspektive der Zehnjährigen bleibt. Esthers Blick wird nie gebrochen. Was sie nicht begreift oder falsch einschätzt, wird nicht reflektiert, sondern möglichst unmittelbar wiedergegeben. Dabei achtet Sattouf aber darauf, Esther nie vorzuführen, sondern ihr Vertrauen mit Respekt und Feinfühligkeit zu erwidern.

Esthers gleichermaßen naiver wie kritischer Blick entlarvt viele Ungereimtheiten, Widersprüche und Absurditäten – und darin liegt ein großes Potenzial zu haarsträubender Komik, die Riad Sattouf, in Frankreich längst als einer der großen Humoristen seiner Zeit gefeiert, zelebriert.

In zwanzig Jahren gehören „Esthers Tagebücher“ zur Standardlektüre angehender Soziologen; wir haben das Privileg, diese Serie sozusagen live zu lesen – und einiges zu erfahren über unsere Zeit.

Christian Gasser


Bester deutschsprachiger Comic-Strip: „Das Leben ist kein Ponyhof“ von Sarah Burrini (www.sarahburrini.com / Panini Books)

Seit fast zehn Jahren verbindet Sarah Burrini in ihrem Comic-Strip „Das Leben ist kein Ponyhof“ Absurdes und Alltägliches. Inzwischen sind drei Sammelbände als Bücher veröffentlicht worden – und jeden Montag gibt es online Nachschub. Ereignisse aus ihrem eigenen Leben und Betrachtungen aktueller politischer und sozialer Ereignisse kombiniert Burrini höchst unterhaltsam mit fantastischen Elementen wie den sprechenden Tierfiguren, die mit dem gezeichneten Alter Ego der Autorin in einer Wohngemeinschaft leben. In den vergangenen Jahren sind zunehmend auch kritische Kommentare zu aktuellen gesellschaftlichen Diskursen wie dem wachsenden Rechtspopulismus, Fake-News-Vorwürfen oder Sexismus hinzugekommen.

Neben humorvollen und mit kulturellen Anspielungen gespickten Dialogen der Hauptfigur über den Alltag als freiberufliche Zeichnerin oder das Älterwerden, ihre Ateliergemeinschaft oder Burrinis Leidenschaft für Nutella gibt es immer wieder längere Erzählstränge, in denen der Alltagsbezug aufgehoben wird und die Handlung in einem komplett fiktiven Kontext fortgesetzt wird. Zwischendurch tritt die Erzählerin dann immer wieder aus der Comic-Rahmenhandlung heraus und erinnert den Leser daran, dass es auch noch eine Realität jenseits des Comics gibt.

Und hin und wieder wird aus der Comic-Sarah-Burrini das mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Nerd Girl – deren Geheimwaffen sind ein rasiermesserscharfer Umhang aus alten Comicseiten, eine von zahllosen Computerspielen gestählte Fingerfertigkeit und ein Kampfschrei, der aus einer Flut an unnötigem Wissen aus der Popkultur besteht. Mit dieser Figur persifliert Burrini die schlichte, von einfachen Lösungen geprägte Welt vieler Superhelden-Comics ebenso wie deren überholte Geschlechterrollen.

Der besondere Charme der cartoonhaft gezeichneten und sich an klassischen Zeitungsstrips orientierenden Reihe ergibt sich aus dem Wechselspiel von jugendlich wirkender Fantasie und erwachsenem Reflexionsvermögen sowie aus der spielerischen Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Comics. Sarah Burrini verfügt über ein tiefes Verständnis der Tradition der Kunstform, gepaart mit postmodernem Reflexionsvermögen, dazu kommt ein fundiertes handwerkliches Können. So zeigt sie ihren Leserinnen und Lesern Woche für Woche, dass der Comic-Strip auch mehr als 120 Jahre nach seiner Entstehung noch Geschichten zu erzählen hat, die es so nirgendwo anders gibt.

Lars von Törne


Bester Comic für Kinder und Jugendliche: „Die drei ??? – Das Dorf der Teufel“ von Ivar Leon Menger, John Beckmann und Christopher Tauber (Kosmos)

Die Graphic Novel „Die drei ???“ erzählt eine der beliebtesten Krimiserien für Kinder und Jugendliche im grafischen Medium weiter. Arbeitsteilig – Ivar Leon Menger und John Beckmann übernehmen das Schreiben der Geschichte, Christopher Tauber zeichnet die Bilderfolge – erzählt das Trio neue spannende Abenteuer. Alfred Hitchcock höchst persönlich schreibt Vor- und Nachwort.

In „Das Dorf der Teufel“ helfen Justus Jonas, erster Detektiv, Peter Shaw, zweiter Detektiv und Bob Andrews, Recherche und Archiv, dem Chauffeur Morton einen vermissten Freund zu finden. Diese Suche führt alle vier nach Redwood Falls, in ein Dorf wie aus dem 19. Jahrhundert, mit Anklängen an das Leben der Amischen in den USA. Die Zeit ist dort stehen geblieben. Nach einer Einleitung startet das Abenteuer mit der Fahrt ins teuflische Dorf. Die wunderbaren Zeichnungen, die die Charaktere bestens vorstellen, werden in zurückhaltender Farbigkeit meist in Blautönen ergänzt. Im ländlichen Bereich dominiert Grün, während die Gefahrenmomente und Teufelsbegegnungen im gefährlichen Rot erscheinen.

Neben der Zeitreise in die Vergangenheit werden Elemente aus der Alltagswelt der Kinder und Jugendlichen, wie das Smartphone oder Fast-Food-Verpackungen, mit eingebunden. In abwechslungsreichen Panelgestaltungen, die immer wieder ganz- oder zweiseitige Überblicksszenen zeigen, wird der Lauf der Geschichte mit seinen vielen Windungen und durch die drei ??? vorangetriebenen Entdeckungen erzählt. Auch Actionszenen und Situationswitz fehlen nicht.

Die drei ??? sind mit ihren Fällen angemessen in die Jetztzeit übertragen. Es macht Spaß den Bildern zu folgen und an der Lösung des Falles mit zu rätseln. Kongenial arbeitet das Dreierteam zusammen. Zeichnungen und Text ergänzen sich bestens und man taucht tief mit ein in die Welt der drei schlauen und manchmal auch im Beziehungs- und Freundschaftsgeflecht sich verheddernden Detektive. Ein spannender Spaß für Kids und Teens und auch für die heute erwachsenen Fans der drei ???.

Christine Vogt


Beste studentische Comic-Publikation: „Paradies“ von der HBKsaar

Gegensätze ziehen sich an – wenn auch nicht immer mit glücklichem Ende. Das macht schon das Umschlagmotiv der studentischen Anthologie „Paradies“ deutlich: In protzigem Golddruck prangt der Titel des Bandes über einer idealisierten Landschaftsszene mit Hirsch. Doch auf der Rückseite dann die Ernüchterung: Unter eine Textzeile aus Coolios „Gangsta’s Paradise“ legt ein Jäger zum Schuss auf das Tier an.

Drinnen nähern sich sieben Studierende der Hochschule der Bildenden Künste Saar auf humorvolle und erfrischend vielfältige Weise dem durch den Titel vorgegebenen Thema. So spielt Eric Schwarz mit der Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität beim Beginn einer neuen Beziehung und reflektiert dabei auch das Spannungsverhältnis von medialer und erlebter Wirklichkeit. Myriam Kind behandelt in einer Geschichte von zwei Wanderern die Dichotomie von Zuneigung und Ablehnung in menschlichen Beziehungen. Und Carl-Angelo Kivu kontrastiert die Monotonie des Alltags mit der surrealistischen Vielfalt von Traumwelten.

Weitere Kurzgeschichten von Pol Borschette, Hanna Gressnich, Eric Heit und Valérie Minelli halten das erzählerisch wie zeichnerisch hohe Niveau der Auswahl. Kunstvolle Aquarell-Miniaturen und Episoden im Funny-Stil, klare Linie und dynamischer Skizzenstil – jeder Beitrag hat seine eigene, aufs Thema abgestimmte Handschrift.

Ergänzt wird die Zusammenstellung der kurzen Episoden durch farblich abgesetzte Seiten, die die abenteuerlichen Seereisen James Cooks mit Bildzitaten von Internet-Plattformen kombinieren, auf denen heute manch einer sein persönliches Paradies sucht. Die gezeichneten Postings von Instagram, Tinder oder Airbnb lassen diese Art von virtuellen Glücksversprechen im Kontrast mit den historischen Abenteuern Cooks noch profaner erscheinen, als sie es ohnehin schon sind.

Ein vielversprechendes Werk aus einer Hochschule, die sich gerade anschickt, eine zunehmend wichtige Rolle in der deutschen Comiclandschaft zu spielen: Seit dem Wintersemester 2017/18 wird hier der Masterschwerpunt Comic / Graphic Novel angeboten. Sieht so aus, als ob das „Paradies“ erst der Anfang einer vielversprechenden Entwicklung ist – das macht Lust auf mehr!

Lars von Törne


Spezialpreis der Jury: Paul Derout

Statt einer Laudatio – Ein Kompliment von Isabel Kreitz

Es muss im Sommer 1990 gewesen sein, ich saß mit meinem Mitstudenten Hinnerk Bodendieck auf dem Flachdach unserer Fachhochschule in Hamburg. Hinnerk räucherte die übliche Makrele fürs Frühstück und erzählte mir von einem Comic-Seminar, an dem er teilnehmen wolle, eine Woche in Erlangen, 800 Mark, mit Übernachtung. Ob ich mich nicht auch bewerben wolle? Ein französischer Profi-Zeichner würde kommen, vielleicht auch zwei … Ein paar Wochen später klingelten wir mit der Bewerbungsmappe unterm Arm bei der Agentur Becker&Derouet in der Lerchenstraße.

Uns empfing ein absoluter Bilderbuch-Franzose. Mit der Zigarette im Mundwinkel beschaute er unsere Mappen und während sich ein Asche-Film auf unsere Zeichnungen legte, skizzierte er bereits unsere Karrieren in den großen Studios von Paris.

Hinnerk und ich fuhren nach Erlangen, zeichneten mit 15 anderen Enthusiasten im E-Werk die Nächte durch, holten Pommes und Nudelsalat im damals noch etwas ranzigen Imbiss „Hühnertod“, gingen für ein paar Stunden Schlaf in den „Frankenhof“, um am nächsten Tag wieder der oder die Erste am Leuchttisch zu sein.

Obwohl ich dann doch nicht die Nachfolgerin von Franquin geworden bin, weiß ich, drei Seminare und zwei Jahrzehnte später, wie viel ich von Pauls Optimismus und seiner Arbeit profitiert habe.

Dass es heute eine nennenswerte deutsche Comicszene gibt, ist auch Paul Derouet zu verdanken, der so viele Zeichner entdeckt, motiviert und gefördert hat, die heute von Ihnen gelesen, gedruckt, ausgestellt und rezensiert werden.

Wenn nun alle Zeichner, Verleger, Redakteure, Comic-Händler und -Leser, die sich angesprochen fühlen, vielleicht einmal kurz aufstehen … Dann wird man einen Eindruck davon bekommen.

Lieber Paul, vielen Dank von uns allen!


Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk: Jean-Claude Mézières

Was für Bilder! Was für Welten! Das Reich der tausend Planeten etwa… in einer entfernten Galaxie. Oder am Rande des erforschten Universums, das Land ohne Sterne. Bevölkert von bizarren Wesen wie den kauzigen Alfloloern einschließlich ihrer Haustiere, den putzigen Gumuns. Von den Shinguz, den unerlässlichen Händlern von Informationen, von dem Grunztier-Transmutator oder dem Schnarf. Einmal hat sich Jean-Claude Mézières selbst bei der Arbeit gezeichnet. Er blickt über die Schulter und sagt: „Ihr könnt wieder rauskommen! Der Fotograf ist weg!“ Und schon drängelt hinter seinem Rücken eine Schar skurrilster Aliens hervor, in aller Artenpracht. Was für eine ausufernde Fantasie!

Als Jean-Claude Mézières vor gut 50 Jahren zusammen mit seinem Szenaristen Pierre Christin „Valerian und Veronique“ ins Leben ruft, Ende 1967 in dem französischen Magazin Pilote, gilt Science-Fiction als Lektüre für Nerds und ist kein Thema. Ebenso wenig wie dass der Held einer Comic-Serie seine Rolle mit einer Frau teilt: nicht nur selbstbewusst und emanzipiert, sondern in der Regel auch weit cleverer und geschickter als ihr Counterpart.

Obwohl in ferner Zukunft spielend, verhandeln die Alben Konflikte unserer Zeit, die Mézières in fantastische Bilderwelten übertragen hat, wie sie vorher noch nicht zu sehen waren. Von ihrer Wirkkraft zeugen etliche Beispiele aus der populären Kultur des späten 20. Jahrhunderts, bis hin zu „Bladerunner“ oder „Star Wars“. Mitte der 90er entwirft Mézières das futuristische New York für Luc Bessons „Das fünfte Element“, in dem fliegende Taxis und Trucks durch atemberaubende Häuserschluchten jagen, inzwischen zigmal an anderer Stelle aufgegriffen. Besson, für den „Valerian“ schon als Teenager Kult war, ist es auch, der vergangenes Jahr zwei Alben der Serie verfilmte, die bis dato teuerste europäische Kinoproduktion.

Neben ihrer überschäumenden Erfindungskraft und grafischen Opulenz ist mindestens ebenso erstaunlich an Mézières‘ Zeichenkunst, wie frisch selbst auch die ersten Bände heute wirken – kein Anflug von Patina wie gerade bei Utopien genretypisch, vielmehr eine höchst eigene Optik, spektakuläre, rauschhafte Bilderwelten, die eben erst entstanden zu sein scheinen. Auch das zeigt, wie weit der Visionär Jean-Claude Mézières der Zeit vorauseilt – womit er, und das nicht allein in Europa, zu den faszinierendsten und bedeutendsten Virtuosen der neunten Kunst zählt.

Andreas C. Knigge


Welche Titel in diesem Jahr nominiert waren, könnt Ihr in dem entsprechenden Beitrag nachlesen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.