Rezensionen

Todesstreifen (Christoph Links Verlag)

West-Berlin, die späten 80er Jahre. Die Freunde Dirk, Andreas, Raik und Heiko sind ehemalige DDR-Bürger, die nach und nach in den Westen ausgereist sind. Was sie verbindet?

Die Liebe zum Heavy Metal und der Hass auf ein System, was sie als Andersdenkende schikaniert und eingesperrt hat. Die Metalheads beschließen, dass sie mit dem Verteilen von Flugblättern und Agitation nicht weiterkommen, und beschließen, die Symbole der DDR-Diktatur anzugreifen: die Mauer und den Todesstreifen mit seinen Wachtürmen und Zäunen, die wie selbstverständlich die Stadt Berlin in zwei Teile schneiden. Viel zu lange wurde dieses Bauwerk der Unterdrückung und Bevormundung schon als normal und gegeben hingenommen. In der DDR selbst werden nach wie vor Systemgegner eingeschüchtert, angegriffen und in den Knast gesteckt. Es ist an der Zeit für radikalere Auftritte. Die Freunde beschließen, mit Brandsätzen gegen den sogenannten „sozialistischen Schutzwall“ vorzugehen…


Fazit

Da ich im Zonenrandgebiet groß geworden bin und die Grenze seinerzeit „bewundern“ durfte, faszinieren mich die Themen DDR und Todestreifen nach wie vor. Dazu kommt, dass ich dem Metal verfallen bin, daher war es keine Frage, dass ich diesen Band unbedingt lesen musste.

Die Geschichte, die von den Beteiligten Dirk Mecklenbeck und Raik Adam als Comic umgesetzt wurde, bietet den Vorzug, dass diese ihre eigene Geschichte erzählen, und das ganze nicht über Dritte übermittelt wird. Zu der Grundlage ihrer Erinnerung kommen viele Fotos, die teilweise 1:1 in Zeichnungen übernommen wurden. So sind die Angriffe auf einen Wachturm oder das Herausschneiden von Teilen des Grenzzaunes direkt von der Gruppe dokumentiert worden, natürlich stets in der Gefahr, von den DDR-Truppen verschleppt oder beschossen zu werden. In den Gesprächen der Freunde untereinander werden Nebeninformationen zum aktuellen politischen Geschehen in den unterschiedlichen Zeitebenen gegeben, außerdem sind viele Dokumente von Stasi, Grenztruppen etc. mit in die Handlung eingebunden, inklusive des aus heutiger Sicht teilweise sehr skurrilem DDR-Amtsdeutsch. Getreu dem Motto „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ greifen sie die Bauwerke des „real existierenden Sozialismus“ an, wobei Wert darauf gelegt wurde, dass die Grenzer in den Wachtürmen vorgewarnt wurden, damit sie den Turm noch verlassen konnten, und nicht mit abfackeln. Es regt zum Nachdenken an, ob diese Aktionen abseits der Selbstgefährdung von Dirk, Andreas, Raik und Heiko besonders mutig oder angesichts der angespannten Lage in Berlin besonders leichtsinnig sind – vermutlich beides.

Ich persönlich hätte es noch gut gefunden, mehr über der Freundschaft der Gruppe untereinander und das spezielle Verhältnis zum Metal zu sehen. Letzterem wird natürlich in Shirts, Graphittis, Postern etc. immer mal wieder gehuldigt, für mich als alten Trasher hätte es da aber gern eine Schippe mehr sein können. Auch wie sich das Leben als ausgereister DDR-Bürger im Westen entwickelt hat fände ich spannend.

Natürlich liegt jedoch der Hauptfokus auf der Dokumentation der Aktionen, und das ist sehr gut gelungen, gerade in Verbindung mit den Originalfotos im Anhang.

Die Aufmachung im großformatigen Album mit schwarz-blauen Farben, gelegentlich mit roten Akzenten garniert ist hochwertig umgesetzt, und mit 10 € für 90 Comicseiten ein Schnäppchen. Unterstützt wurde das Projekt von der Stiftung Berliner Mauer.

Mehr Infos zu dem Comic gibt es hier: https://raikadam.jimdofree.com/


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