Rezensionen

Courtney Crumrin – Die Wesen der Nacht (Dani Books)


Nach jahrzehntelanger Formatwechselirrfahrt findet eine starke Comicserie zur richtigen Größe – und das Ganze beim größenlosen Verlag Dani Books.


Veröffentlichungsrückblick

In den USA erschien einst das Comicheft Oni Press Color Special 2002. Der Independant-Comicverlag Oni Press veröffentlichte zu der Zeit viele schwarzweiße Comics. Oni Press-Kurzgeschichtchen in Farbe kamen in solchen jährlichen Specials zum Abdruck. Und 2002 kam in diesem Heft eine bunte Prelude von Courtney Crumrin von Comickünstler Ted Naifeh zum Abdruck. Die eigentliche Comicserie war und blieb aber noch jahrelang schwarzweiß. Das paßte genau zur Stimmung der Stories. Sie erschein in den USA üblicherweise in Heftform. Später gab es auch Sammelbände. 2012 startete bei Oni Press eine Heftserie ebenfalls namens Courtney Crumrin. Hier wurden colorierte Ausgaben veröffentlicht, die später auch in Buchform erschienen. Und es war nicht jedem klar, ob hier alter Stoff neu coloriert wurde oder neue Geschichten in Farbe erschienen. Ein paar wenige zusätzliche Kurzgeschichten gab es auch noch.

Eine ähnlich verflochtene Veröffentlichungsgeschichte liegt der Serie auch in Deutschland zugrunde. In Deutschland gab es den kleinen Verlag Eidalon, der auf den ersten Blick mangaähnliche Comics veröffentlichte, was Inhalt und Format betraf. In den Comic Läden wurden diese Titel zu den Manga sortiert. Eidalon veröffentlichte ab 2004 hier auch die Serie Courtney Crumrin, deren Taschenbuchcover ein Kugelköpfiges Mädchen ohne Nase zierte. Von der allgemeinen Comicleserschaft wurde nur Charlie Brown einen Kugelkopf zugestanden, dass viele gar nicht reinblättern wollten. Dennoch fand die Serie ihre Leser. Der erste Band war nach einiger Zeit sogar verlagsvergriffen, das heißt völlig ausverkauft. Bei Eidalon gab es die Unterlabels Comikat und Modern Tales. Unter Modern Tales erschienen um 2010 vier schicke (etwas größere) Hardcoverbände von Courtney Crumrin mit den schönen Schwarzweißgeschichten.

Courtney Crumrin bleibt zwar im Independantbereich, ist aber immer wieder präsent, sie hat was. Zwischen verschiedenen Eidalon-Titeln, die allesamt in unterschiedlichen Formaten erschienen, ragte Courtney Crumrin heraus und wurde auch im Comic Forum über 7 Seiten diskutiert. Zum ersten Gratis Comic Tag 2010 gab es sogar ein GCT-Heft von ihr. Und auch 2018 ist sie wieder bei den kostenlosen Heften mit vertreten. Denn:

2018 hat Courtney Crumrin eine neue Heimat gefunden, wieder bei einem feinen, kleinen Verlag, der seine Titel anfangs nicht nur in einem Format präsentiert, sondern mal größer mal kleiner. Das passt doch. Heute erscheint Courtney Crumrin bei Dani Books endlich in wunderschöner Farbe und hat hier ihr Format in 17x24cm gefunden. Band 1 ist erschienen – in einer Softcoverausgabe, einer limitierten Hardcoverausgabe und digital als eBook. Zudem ist auch ein signierter A4-Druck erhältlich.

Und dieser charmante All-Ages-Gruselklassiker passt perfekt ins Portfolio von Dani Books (zu dem ja auch Monster Allergy und Daffodil zählt).


Handlung

Courtney Crumrin ist mit ihren Eltern widerwillig zum Großonkel Aloysius in eine wohlhabende Gegend in eine alte, gruselige Villa gezogen. Sie nennt ihn kurz Onkel A.. Ihre neuen hochnäsigen Klassenkameraden in der Mittelschule haben zwar Angst vor der sagenumwobenden Geistervilla aber nicht vor Courtney. Der Klappentext trifft es mit „Statt der Kinder aus der Nachbarschaft sind nun grausige Ghule und gräuliche Geister ihre einzigen Freunde. Hmm … vielleicht wird das ja doch gar nicht so übel …“

Auf der ersten Seite stellt uns der wolfartige Kobold Mister Butterworm die Scenerie vor.
Courtney
schlägt sich im ersten Band als grummelnde Einzelkämpferin im Alltag sowohl in der Schule als auch danach im unheimlichen Wald bis Kapitel 3 tapfer. Ihr einziger gewonnener schüchterner Schulfreund Axel ist schon auf den ersten Seiten für immer verschwunden; Butterworm hat seine Hände bzw. sein Maul im Spiel. Courtney liest sich einiges nötiges Wissen – anfangs heimlich – in Onkel A.s Bibliothek an, das ihr direkt im Umgang mit den Kobolden hilft und indirekt durchaus auch mit ihren Mitschülern, Lehrern und ihren Eltern. Die Einzelgängerin freundet sich mit Onkel A. an, der ihr auch mal aus der Patsche hilft, bis er in Kapitel 4 für ein paar Wochen verreist. Nachdem sie in Kapitel 3 beim Babysitten in der Nachbarschaft auf die Katze Boo und auf einen Wechselbalg trifft, durch den es sie in die Stadt der Nachtwesen verschlägt, bleibt sie in Kapitel 4 niedergeschlagen zu Hause. Und taucht gleichzeitig alle begeisternd in der Schule auf? Äh, da stimmt was nicht! Aber lest selbst!


Details

    • Auf der letzten Seite von Kapitel 1 wollt ihr nicht Courtneys Mitschülerin Alicia – die Tochter von Augutus Oudler – sein, die nachts Besuch bekommt – losgeschickt von Courtney.
    • Auf der letzten Seite von Kapitel 2 hat unsere Titelheldin – nachdem sie hier einiges im Umgang mit Mitmenschen lernen musste – das Gelernte invers geschickt angewandt.
    • Auf Seite 70 verpasst Courtney in Panel 8 im TV die Powerpuff Girls, weil es beim Babysitten bei der Familie Finch Probleme gibt, die die Katze der Familie Boo einfach zuließ – ohne jede Loyalität. Boo auf Seite 76 dazu: „Wenn sie Loyalität gewollt hätten, hätten sie sich einen Hund angeschafft.“
    • Seite 117 bietet ein Outro zum ersten Band.
    • Auf den Seiten 120 bis 123 gibt es eine kleine Comickurzgeschichte aus den jüngeren Kindertagen Courtneys, als ihre Eltern mit ihr Onkel A. besucht hatten.
    • Die Seiten 124 bis 130 zeigen Skizzen, Entwürfe, Illustrationen (z.B. zu Veranstaltungen mit Courtney Crumrin-Thema).
    • Der Band passt mit gleicher Höhe im Regal sehr gut zum Comic Die Nektons.

Fazit

Der Comic ist eine wunderschöne ruhige abenteuerliche Fantasygeschichte mit einem schüchternen aber starken jungen Mädchen als Hauptfigur. Ihr Kugelkopf ist keineswegs ein Zeichen für grobe plakative Oberflächlichkeit. Dieser Comic ist erzählerisch und zeichnerisch auf den ersten Blick einfach und doch filigran und raffiniert. Einfühlsam und wild. Vorsichtig und witzig. Einfach charmant. Geeignet für die ganze Familie.

Wer Jim Hensons Labyrinth, Neil Gaimans Coraline oder auch Jorge Coronas Feathers mag, sollte diesen Band auf jeden Fall lesen.

Habt ihr schonmal reingelesen? Wer sich seit den ersten Seiten bei all den Goblins an Labyrinth erinnert fühlt, wird die Nähe in Kapitel drei dreifach spüren. Wer eine Atmosphäre von Coraline wahr nimmt, wird in Kapitel 4 vierfach auf gleiche Weise verwirrt sein.
Wer von Ted Naifeh mehr lesen möchte, kann ruhig auch seine anderen Werke ausprobieren. Allesamt lesenswert. Sein nächstes Projekt für 2019 heißt Kriss.

Ich bin auf die Folgebände dieser schönen Reihe sehr gespannt und freue mich auf mehr von Courtney Crumrin!


Lest mal rein, entweder in der Online-Leseprobe oder besucht den Verleger Jano Rohleder auf einem Comicfest am Dani Books Stand, wo er euch bestimmt das Gratis-Comictag-Heft schenkt (solange der Vorrat reicht)!

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