Comic-Tipp

Schloss der Tiere – eine grandiose Fabel

Seit fast 25 Jahren ist der 1972 in Paris geborene Xavier Dorison als Comictexter aktiv. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist beeindruckend:
„Das dritte Testament“, „Prophet“, „Heiligtum“, „W.E.S.T.“, „Long John Silver“, „Undertaker“ und „Thorgal“.
Dorison schreibt sehr vielseitig und ist in jedem Genre zuhause. Das macht seine Arbeiten so lesenswert.
Mit dem „Schloss der Tiere“ beginnt er nun eine vierteilige Serie. Es handelt sich um eine Tierfabel, quasi eine modernisierte Fassung von Orwells „Farm der Tiere“.

Ein erstaunliches zeichnerisches Debüt

Etwas verwundert hat mich aber, dass Dorison für die neue Serie mit einem absoluten Neuling in der Comicbranche, dem Zeichner Felix Delep zusammenarbeitet.
Aber alle Bedenken verflüchtigen sich beim ersten Blick aufs Artwork. Deleps Zeichnungen sind unfassbar gut und man fragt sich, wo er sich bisher versteckt hatte.
Der 27-jährige Künstler legt ein Debütalbum der Extraklasse hin. Da stimmt einfach alles, von der abwechslungsreichen Seitenaufteilung über die gefühlvolle Kolorierung und die ausdrucksstarke Mimik der Figuren.

Alle Tiere sind gleich, aber

Die Geschichte nimmt ihren Ausgangspunkt in einem von Menschen verlassenen Bauernhof. Dort lebt eine Solidargemeinschaft von Tieren unter der Führung von Stier Silvio. Doch trotz allem Gerede von Gemeinschaftssinn entpuppt sich Silvios Herrschaft schnell als Diktatur, abgesichert von einer gefährlichen Hundemeute. Alle anderen Tiere müssen spuren, sonst bekommen sie den eisernen Huf Silvios zu spüren. Es kommt zu Schauprozessen und Hinrichtungen.

Katze, Kaninchen und Ratte im Widerstand

Die Heldin, Katzendame Miss Bengalore, fühlt sich immer unwohler in diesem repressiven System und möchte ihrem Nachwuchs eine bessere Perspektive bieten. Als die weise Ratte Azelar auf dem Schloss eintrifft und mit einem gewagten Theaterstück (bzw, einem Schattenspiel) dem Regime einen Spiegel vorhält, rettet Miss Bengalor Azelar vor der aufgebrachten Hundemeute. Gemeinsam mit dem Gigolo-Kaninchen Cäsar gründen sie eine Widerstandsgruppe – mit Ungehorsam und Humor gegen Reißzähne und Krallen.

George Orwell neu erzählt

Hier zeigt sich, dass Dorison sich nicht nur an Orwell orientiert, bei den Widerstandsmethoden der Tiere ist eindeutig Ghandi das Vorbild.
Behutsam und sensibel baut Dorison seine Geschichte auf, das Alltagsleben auf dem Schloss wird einfühlsam geschildert, Schockmomente und humorvolle Elemente wechseln sich geschickt ab und halten die Spannung aufrecht.
Dorison nutzt die Form der Fabel perfekt um die Unmenschlichkeit der Diktatur aufzuzeigen. Und Zeichner Delep haucht den tierischen Protagonisten so viel Leben und Menschlichkeit ein, dass man förmlich in die Geschichte hineingezogen wird und mitfiebert. Ich bin äußert neugierig, wie sich diese vierteilige Reihe noch entwickelt. Der Auftaktband bietet jedenfalls eine grandiose Modernisierung von „Farm der Tiere“ und zählt für mich jetzt schon zu den besten Comics des Jahres 2020.


  • Xavier Dorison & Felix Delep: Schloss der Tiere 1 (von 4): Miss Bengalore, HC, Splitter Verlag, Euro 17.-
  • Auch erhältlich als Splitter Diamant Vorzugsausgabe Album im XXL-Format von 28×37 cm,  8 Seiten exklusives Bonusmaterial, Variantcover, Limitiert auf 444 Exemplare. Euro 69.-

© aller Abbildungen: Splitter Verlag, Félix Delep, Xavier Dorison

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Blog des Comicladens T3 – Terminal Entertainment.

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